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Michelle van Tongerloo ist Hausärztin und Straßenärztin in Rotterdam. Sie verknüpft große gesellschaftliche Fragestellungen mit der rauen Realität ihrer Sprechstunde.
Durch die immer neuen Gruppen von obdachlosen Menschen, die sich in ihrer Sprechstunde melden, sieht Michelle van Tongerloo, dass das Hilfesystem ins Stocken gerät. Deshalb trat sie aus der Bürokratie aus und begann ihre eigene – bürokratiefreie – Arbeitsweise. Mittlerweile wenden sich gerade Hilfsorganisationen aus dem ‚Schalterdschungel‘ an ihre Stiftung Lekker Geven, die 2025 bereits mehr als 1.200 Anträge von 160 Rotterdamer Organisationen erhalten hat.
Michelle van Tongerloo ist Hausärztin in IJsselmonde und Straßenärztin bei der Pauluskerk in Rotterdam. Dort sieht sie täglich, wie verletzliche Menschen – obdachlos, süchtig, undocumented – durch die Ritzen des Systems fallen. In kurzer Zeit sah sie neue Gruppen entstehen: zuerst vor allem Undokumentierte, später auch ausgebeutete Arbeitsmigranten und schließlich obdachlose Rotterdamer mit schweren psychischen Problemen nach Kürzungen im Gesundheitswesen.
Als ‚Kanarie in der Kohlenmine‘ signalisiert sie diese Verschiebungen früh, weil die Kirchentüren immer offenstehen. Immer wieder sah sie, wie Protokolle und Regeln der Pflege im Weg standen – manchmal mit schweren und kostspieligen Folgen. „Verletzliche Menschen verdienen die beste Pflege, bekommen sie aber oft nicht“, schloss sie.
Van Tongerloo beschloss, dass ihre Sprechstunde kein Abflussrohr der Politik sein durfte. Sie schob Protokolle zur Seite und gab den Patienten, was sie brauchten: Zeit, Aufmerksamkeit und praktische Hilfe. Dieses Vertrauen wurde nie missbraucht.
Aus diesem Ansatz entstand die Stiftung Lekker Geven, ermöglicht durch private Spenden. Die Stiftung bietet schnelle, informelle Hilfe: von Unterkünften und medizinischer Versorgung bis hin zu Übernachtungen, Zahnbehandlungen, Schuldenregulierungen und Lebensunterhalt. Dass immer mehr Fachleute Hilfe bei ihr suchen, zeigt, wie das formelle System ins Stocken gerät und wie groß der Bedarf an einer menschlicheren Alternative ist.
Michelle hat zusammen mit zwei anderen die Giving Light Foundation gegründet, mit der sie eine öffentliche Klinik in einem Township aufbauten und drei andere Projekte unterstützen. So erhalten lokale Führungskräfte, Jugendliche und Frauen die Möglichkeit, ihre eigene Vision zu verwirklichen. Nicht die Abhängigkeit, sondern die Resilienz der Gesellschaft wächst. Da lokale Organisationen die Sprache, Regeln und Menschen kennen, arbeiten sie zudem effizienter: mit relativ kleinen Beträgen wird ein großer Unterschied gemacht.
Parallel dazu arbeitet Van Tongerloo mit anderen informellen Hilfsorganisationen an gemeentehuisje.nl: einer digitalen Plattform, die Menschen einfach und niedrigschwellig zur richtigen Hilfe führt. Über einen mehrsprachigen KI-Chatbot und eine lokale Datenbank finden Nutzer schnell informelle, oft kostenlose Angebote in ihrem eigenen Viertel.
Gemeentehuisje zeigt, dass Innovation im sozialen Bereich nicht groß oder komplex sein muss, solange sie zugänglich ist und der Praxis entspricht.
Van Tongerloo veröffentlicht unter anderem in De Correspondent, Vrij Nederland, NRC, Medisch Contact und LINDA. Ihr Buch Kommt ein Land bei der Ärztin (2024) wurde sofort ein Bestseller. Sie schreibt über unser Gesundheitssystem, Straßenmedizin, Systemfehler und ethische Fragestellungen.
Als Referentin bringt sie große gesellschaftliche Themen nah mit persönlichen Geschichten aus ihrer Sprechstunde – und mit konkreten Lösungen aus der Basis. Ihre Vorträge sind damit sowohl berührend als auch inspirierend.